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Die Psalmen
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Jeder von uns hat wohl schon etwas von den Psalmen gehört. Sie sind ein Buch des Alten Testamentes und in Versform, meist von König David gedichtet. Ein mancher hat schon den einen oder anderen Psalm gelesen oder gebetet und ist damit nicht zurechtgekommen. Wenn ich hier aus eigener Erfahrung sprechen darf, so muss ich sagen, dass mir noch vor drei Jahren die Psalmen überhaupt nichts sagten.
Was sind die Psalmen? Im hebräischen werden sie „tehillim“, d. h. Loblieder, genannt, und auf griechisch „psalmoi“, das bedeutet „Lieder zur Harfe“. Schon hieraus erkennen wir, dass die Psalmen eigentlich nicht Gebete sind, sondern Lieder. Psalmen kann man nicht einfach beten oder singen, sondern man muss sie betrachten. Um sie verstehen zu können, ist es notwendig, dass man auch die Ereignisse und Heilsgeschichte im Alten Bund kennt. Sicher ist der Heilige Geist, unter dessen Antrieb die Psalmisten dichteten, mit seiner Gnade immer bei jedem, der gläubig und guten Willens diese Lieder singt. Trotzdem ist es für jeden erforderlich, sich nach Kräften eine gründliche biblische Bildung anzueignen, um die Psalmen besser verstehen zu können.
Wie schon gesagt, sind die Psalmen nicht einfach Gebete. Sehr wichtig ist es, die Hintergründe zu kennen, unter denen sie geschrieben wurden, sowie die Kenntnis der religiösen Welt und Umwelt der Israeliten. Das auserwählte Volk hatte seinen Ein-Gott-Glauben gegen die Vielgötterei der Heiden zu verteidigen. Stark war auch die politische Bedrohung durch die umliegenden Völker, besonders durch die Ägypter und Assyrer. So wurde z. B. der Psalm 118 ganz unter dem Eindruck der „babylonischen Gefangenschaft“ geschrieben. Losgerissen von jedem äußeren Gottesdienst, hatten die Juden dort Gelegenheit, den Wert und die Schönheit des „Gesetzes“ zu besingen. Psalm 125 singt das Lied vom Ende des Exils.
Hinsichtlich ihres Inhaltes unterscheidet man die Psalmen in Lob-, Bitt-, Dank- und Bußpsalmen, sowie in solche, in denen der Psalmist um Hilfe in Bedrängnis bittet und die prophetischen Psalmen. Eine besondere Sparte bilden die sogenannten Gradualpsalmen. Sie haben ihren Namen daher, weil sie bei den Wallfahrten zum Tempel gesungen wurden, welches ein stufenweises (gradus = Stufe) Aufsteigen nach dem hoch gelegenen Jerusalem war. Als Ludwig van Beethoven sein gewaltiges Chorwerk „Die Himmel rühmen“ komponierte, hat er das sicherlich unter dem Eindruck von Psalm 18 getan: „Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes; vom Werk seiner Hände kündet das Firmament.“
Die Sprache der Psalmen atmet orientalischen Geist. Für uns nüchterne Europäer ist dieser Überschwang des Herzens und der Worte nur schwer zu begreifen. Und doch liegt gerade darin das Faszinierende und Fesselnde des Psalmengebetes. Die Texte sind nicht nüchtern und trocken, sondern überschwänglich, voll Geist und Leben. „Alles was atmet, lobe den Herrn.“ (Ps 150,6). Dieser letzte Satz des Psalters kennzeichnet treffend das Hauptanliegen der Psalmen. „Ich will dich rühmen, mein Gott und König, jeden Tag will ich dich preisen und deinen Namen loben immer und ewig.“ (Ps 144,1-2). In diesen zwei Versen verbinden sich Himmel und Erde, „Wir singen mit den Chören der Engel und der ganzen himmlischen Heerschar den Hochgesang Deiner Herrlichkeit“, wie der Schluss einer jeden Präfation lautet. Jeden Tag unseres Lebens müssen wir Gott rühmen und loben, und immer und ewig werden wir ihn preisen, wenn wir in die ewige Seligkeit eingegangen sind. „Groß ist der Herr und hoch zu loben, seine Größe ist unerforschlich.“ (Ps 144).
Mit der gleichen Glut und Hingabe wie der Psalmist Gott lobt und preist, bittet er auch den Herrn um Hilfe: „Wie ein Hirsch nach frischer Wasserquelle lechzt, so verlangt meine Seele nach dir, o Gott. Tränen sind meine Nahrung geworden bei Tag und bei Nacht, da man täglich zu mir sagte: Wo bleibt dein Gott. Ich will rufen zu Gott meinem Fels: „Warum hast du mich verlassen?“ (Ps 41,2,4,10). „Herr, mein Gott, auf dich vertraue ich; hilf mir vor all meinen Verfolgern und rette mich. Sonst zerfleischen sie mich gleich einem reißenden Löwen, und nirgends ist Rettung. Herr, richte die Völker, schaffe mir Recht nach meiner Unschuld. Mein Schild über mir ist mein Gott, der allen hilft, die redlichen Herzens sind.“ (Ps 7).
Bei aller Klage in der Not bricht doch immer wieder das Vertrauen durch: „Auf dich vertraue ich, meine Feinde sollen über mich nicht frohlocken. Gut und gerecht ist der Herr, darum weist er Irrenden den Weg.“ (Ps 24,2,8).
Von tiefer Zerknirschung und Reue zeugen die Bußpsalmen, in denen König David sein Doppelverbrechen (2. Sam 11,2-21) beklagte: „Herr erhöre mein Gebet, und lass mein Rufen zu dir kommen.“ (Ps 101). „Erbarm dich meiner, o Gott, der du barmherzig und gnädig, nach dem Übermaß deiner Güte tilge meine Missetat. Sieh doch, in Sünde wurde ich geboren, in Schuld empfing mich meine Mutter (Erbsünde). Herr, öffne meine Lippen, und mein Mund wird dein Lob verkünden.“ (Ps 50,1,7,17).
In manchen Psalmen, besonders in den prophetischen, spricht Christus selbst durch den Psalmisten zu uns, wie etwa in Psalm 21: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?! Sie durchbohrten mir Hände und Füße (V.1). Sie verteilten meine Kleider unter sich und werfen das Los über mein Gewand.“ (V. 19). Spätestens hier wird klar, dass man die Psalmen auch unter dem Licht des Neuen Testamentes sehen muss. Sie sind nicht nur eine Sache des Alten Testamentes, sondern finden sich im Neuen Bund ihre Erfüllung. Was sagt Christus von den Psalmen: Er wendet sie auf sich selbst an. Der Auferstandene legt den Emmausjüngern alles dar, „was im Gesetz des Moses, bei den Propheten und den Psalmen über mich geschrieben steht.“ (Lk 24,44). In einer Auseinandersetzung mit den Pharisäern weist Jesus auf Psalm 109 hin: „Wie kann ihn David im Geist Herr nennen, da wo er sagt: ‚So spricht der Herr zu meinem Herrn: Setz dich mir zur Rechten und ich lege dir deine Feinde als Schemel unter die Füße!‘ Wenn David ihn also Herr nennt, wie ist er dann sein Sohn?“ (Mt 22,41-45). So spricht der Herr zu meinem Herrn, das heißt, so spricht Gott Vater zu Gott Sohn. Die letzten Worte Christi am Kreuz waren aus Psalm 30: „In deine Hände Herr, empfehle ich meinen Geist.“
Wenn also Christus Psalmen gebetet hat, so ist das für uns die Aufforderung, dasselbe zu tun. Im Gottesdienst der Urchristen nahm das Psalmengebet einen breiten Raum ein. Auch heute noch ist die Liturgie durchsetzt von Psalmen und Psalmversen. Der Hauptteil des kirchlichen Stundengebetes, des Breviers, besteht aus Psalmen. In der Heiligen Messe bestehen Introitus, Graduale, Offertorium und Communio meist aus Psalmversen. Beim Stufengebet beten Priester und Ministrant aus Psalm 42.
Bedauerlicherweise hat sich das Psalmgebet in der Volksfrömmigkeit nicht durchsetzen können. Vielleicht fehlt das Verständnis für diese Art des Gebetes. Hat man jedoch erst einmal den Sinn und die wunderbaren Gedankeninhalte der Psalmen erfasst, wird man das Psalmengebet kaum weglassen wollen. Wer psalliert, bete oder singt nicht allein, sondern in Gemeinschaft mit der ganzen Kirche. Die Psalmen sind, zusammen mit den anderen alttestamentlichen Cantica (Lobsängen) die ältesten Gebete und Lieder, die heute gleichermaßen wie damals zur Zeit ihrer Abfassung, von den Israeliten, zum Lob des Herrn gesungen werden.