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Chronologie und Historizität des Alten Testaments
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Für den gläubigen Katholiken ist es eine Gewissheit, dass die in den Geschichtsbüchern des Alten Testaments niedergeschriebenen Ereignisse auch wirklich stattgefunden haben, wie dies die Kirche immer geglaubt hat. So hat noch die Päpstliche Bibelkommission unter Pius X. die Thesen der modernistischen Bibelkritik zurückgewiesen und beispielsweise an der Verfasserschaft des Moses für die nach ihm benannten fünf alttestamentlichen Bücher festgehalten. Allerdings sieht sich eine Apologie des Alten Testaments mit einem besonderen Problem konfrontiert: Liegen für das Neue Testament beispielsweise in den Passionsreliquien und dem Heiligen Haus in Loreto die sprechendsten Sachüberreste aus dem irdischen Leben des Gottessohnes vor und erhellen zahlreiche archäologische Funde die Umwelt der Hauptprotagonisten wie auch von peripheren Persönlichkeiten wie Herodes und Pilatus, so scheint die alttestamentliche Zeit über weite Strecken ein „unbeschriebenes Blatt“ zu sein. Eigentlich unverständlich – waren Moses, Josue und David ja nicht weniger damals wirklich lebende Menschen aus Fleisch und Blut wie Jesus Christus! Die Handlungen dieser Volksführer müssen doch archäologisch relevante Überreste hinterlassen haben. Muss man also tatsächlich mit den Archäologen Israel Finkelstein und Neil A. Silbermann feststellen: „Keine Posaunen vor Jericho“, weil es diese Stadt – wie viele andere von Josue eroberte Städte – zur Zeit der Landnahme gar nicht gegeben hat? War gerade die Epoche Salomons kulturell und wirtschaftlich von einer gewissen Ärmlichkeit gegenüber früheren Epochen gekennzeichnet? Warum gibt es für die Staatswerdung Israels in der frühen Königszeit keine historischen Zeugnisse aus dem Nachbarland Ägypten mit seinen umfangreichen Schriftdenkmälern? Da diese Ergebnisse auf seriöser Forschungsarbeit beruhen, können sie nicht weggewischt werden. Die archäologischen Sachüberreste sind objektive Quellen, die für sich genommen nicht ideologisch manipuliert sind. Werner Kellers 1955 erschienenes Buch „Und die Bibel hat doch recht“, hilft hier nicht weiter, da Keller zum einen selektiv vorgeht und zum andern sein Werk schon längst nicht mehr dem aktuellen Forschungsstand entspricht. Soll man nun versuchen, jeweils einen irgendwie gearteten „historischen Kern“ zu retten und sich Spekulationen über die tatsächliche Geschichte hinzugeben, wie dies Theologen im Grundstudium abverlangt wird? Hier soll vielmehr gezeigt werden, dass der Schlüssel des Problems in der Frage der richtigen chronologischen Zuordnung liegt, also im Verhältnis der Datierung einzelner Epochen zu den archäologischen Fundschichten. Diese Darstellung basiert auf den von David Rohl, Uwe Zerbst und Peter van der Veen verfassten bzw. herausgegebenen Büchern, in denen die alttestamentliche Geschichte entgegen gängiger Meinungen gedeutet wird.
Zu Beginn soll die herkömmliche Datierung des Exodus aus Ägypten kritisch überprüft werden. In den meisten Publikationen zur biblischen Geschichte wird der Zeitpunkt des Auszugs des Volkes Israel aus Ägypten in die Regierungszeit des Pharao Ramses II. (1279– 1213 v. Chr.) oder seines unmittelbaren Nachfolgers Merenptah (1213–1203 v. Chr.) datiert. Was spricht für, was gegen diese Synchronisation? Da ist zunächst einmal der Bibeltext selbst, der besagt, dass die Israeliten während ihrer Knechtschaft die Städte Pitom und Ramses bauen mussten (Exodus 1,8–11). In der Tat ließ Ramses II. im Nildelta eine neue Hauptstadt mit dem Namen Pi-Ramesse oder Ramsesstadt erbauen; außerdem kann es eine Stadt dieses Namens nicht vor seinem Großvater Ramses I. (ca. 1295 v. Chr.), dem Begründer der 19. Dynastie und ersten König dieses Namens auf dem Pharaonenthron, gegeben haben. Vordergründig spricht also manches dafür, in Ramses II. den Pharao der Unterdrückung zu sehen, wobei der Auszug dann, wenn nicht unter ihm selbst, spätestens unter seinem Nachfolger Merenptah stattgefunden haben müsste, nennt dieser doch in einer Stele Israel unter den besiegten Völkern in Palästina. Dazu kommt, dass sich im Anschluss an die Regierungszeit dieser Pharaonen eine Siedlungswelle in das nördliche Palästina ergossen haben muss, da zahlreiche neue ländliche Siedlungen in den entsprechenden Fundschichten aus jener Zeit nachgewiesen werden konnten. Diese Plätze wurden gemeinhin als die frühen israelitischen Siedlungen gedeutet und befestigten so die Ansicht, der Auszug sei der Epoche der 19. Dynastie zuzuordnen.
Doch diese Folgerung ist keineswegs zwingend. Ramsesstadt ist in der Bibel wohl nur eine anachronistische Bezeichnung in der Art, wie man heute etwa vom römischen Salzburg sprechen kann, ohne damit auszudrücken, dass Salzburg, das antike Iuvavum, schon in der Römerzeit diesen aus dem späteren Salzhandel herrührenden germanischen Namen getragen hätte. Bei einer späteren Redaktion des Buches Exodus (ein Großteil der Bibelgelehrten geht überhaupt von einer sehr späten Entstehung des Buches aus) mag der damals gültige Name der Stadt rückblickend verwendet worden sein, ohne dass damit die ursprüngliche Bezeichnung der Stadt gemeint war, die durchaus vor Ramses II. unter dem Namen Avaris existierte. Ein anderes Beispiel für eine solche retrospektive Verwendung des Namens Ramsesstadt findet sich im Buch Genesis (47,11), wonach der Patriarch Josef seinen Brüdern Grundbesitz im Gebiet von Ramses zuwies. Wollte man diese Stelle wie im Falle des Buches Exodus interpretieren, so wären sowohl Josef als auch Moses Zeitgenossen Ramses’ II. gewesen, was mit der biblischen Geschichte in Widerspruch stünde.
Gegen die Datierung des Exodus in die 19. Dynastie sprechen aber die biblischen Zeitangaben: Nach dem Ersten Buch der Könige (6,1–2) fand der Auszug 480 Jahre vor der Errichtung des salomonischen Tempels statt, der ungefähr 968 v. Chr. erbaut wurde. Demnach müsste der Exodus um die Mitte des 15. vorchristlichen Jahrhunderts stattgefunden haben, also ca. 170 Jahre vor Ramses II. Die Chronologie des Ersten Buchs der Könige wird auch vom Buch der Richter gestützt: Der Richter Jeftah lebte und wirkte demnach etwas über 300 Jahre nach dem Auszug aus Ägypten. Daraus ergibt sich eine Mindestdauer der Richterzeit, die zwischen dem angenommenen Auszug im 13. Jahrhundert und dem Beginn der Königszeit im 11. Jahrhundert dann keinen Platz findet.
Widerlegt wird Ramses II. als Pharao des Auszugs aber vollends durch die Ergebnisse der archäologischen Forschungen in Palästina: Von zwölf Städten, die nach dem biblischen Buch Josue durch die Israeliten nach ihrer Ankunft im Land Kanaan zerstört wurden, haben mindestens sechs in der späten Bronzezeit II B, der Epoche Ramses’ II., nachweislich gar nicht existiert; darunter die berühmteste Eroberung, die Stadt Jericho. In vier der im selben Buch genannten Städte fanden sich zwar Zerstörungsspuren aus der fraglichen Zeit, doch gehören diese einem längeren Zeitraum von etwa 100 Jahren an und können so nicht von Josue stammen, der nur 17 Jahre in Kanaan gekämpft hatte. Gewichtige Einwände kommen auch von der Archäologie Ägyptens: In der gesamten späten Bronzezeit finden sich weder Hinweise für die dortige Existenz der Israeliten oder ihres Auszugs, noch für Katastrophen in der Art der zehn ägyptischen Plagen. Die Epoche Ramses’ II. war vielmehr eine Blütezeit, in der das Neue Reich auf einem Höhepunkt der Macht stand.
Aber wie verhält es sich mit der bereits erwähnten eisenzeitlichen Siedlungswelle? Die Verteilung dieser Siedlungen in Palästina beschränkt sich auf das Gebiet des späteren Nordreichs westlich des Jordan und spart somit die Stammesgebiete von Juda und Simeon im Süden wie auch das Gebiet der drei Stämme im Ostjordanland aus. Doch gerade diese Gegenden waren die von den Israeliten zuerst eingenommenen. Außerdem stehen die Siedlungen im Zusammenhang mit einer Bevölkerungsverdichtung im nördlichen Palästina, während im Zuge der Landnahme vielmehr von einem deutlichen Rückgang der Bevölkerung auszugehen ist als Folge der Vertilgung und Vertreibung Kanaaniter, die nach dem biblischen Bericht viel zahlreicher als die Israeliten waren.
Was über Moses festgestellt wurde, gilt im Übrigen auch für die frühe israelitische Königszeit: Bisher fehlt jeder archäologische Hinweis auf Saul, David und Salomon in der frühen Eisenzeit, obwohl Überreste des salomonischen Reichtums, seiner Handelsbeziehungen und seiner Bautätigkeit oder die Nennung israelitischer Könige in den Schriftquellen des Nachbarlandes Ägypten zu erwarten wären. Außerdem stellten die Archäologen fest, dass die Epoche der frühen Eisenzeit in Palästina sogar ärmlicher war als die vorangegangene. Dies wird angesichts des fortgeschrittenen Standes der biblischen Archäologie meist damit erklärt, dass es sich bei den biblischen Erzählungen um Mythen handle.
Es bleibt dann nur, einen „historischen Kern“ für jede dieser Erzählungen anzunehmen, der weit entfernt von der biblischen Überlieferung ist. Da hilft es auch nichts, den Auszug gemäß den biblischen Zeitangaben etwa 170 Jahre früher anzusetzen; die archäologischen Befunde lassen diesen Schluss genauso wenig zu. Es hat sich daher verständlicherweise eine Literatur entwickelt, die in hohem Maße spekulativ die Ethnogenese Israels als einer ursprünglich in Kanaan ansässigen autochthonen Bevölkerung beschreibt, die sich in Revolutionen und Zusammenschlüssen als eigenes Volk etabliert und sich schließlich durch eine weitgehend fiktive „Tradition“ ideologisch legitimiert hätte.
Aber wie zuverlässig ist der Boden, auf dem wir mit den archäologischen Befunden stehen? Die Archäologie kann zunächst nur eine relative zeitliche Abfolge feststellen: Tiefere Schichten sind älter als höhere. Um die Schichten mit festen Zeitpunkten zu verknüpfen, ist eine Chronologie notwendig. Die Bibel zum Beispiel kennt eine durchlaufende Chronologie, die weit zurückreicht und in der jedes Ereignis sicher datiert werden kann. Heute verwenden wir die christliche Ära, in der wir die Jahre nach Christi Geburt zählen. Andere Beispiele einer Ära sind beispielsweise die jüdische und byzantinische, in denen von der Erschaffung der Welt an gerechnet wird, oder die islamische, beginnend mit der Auswanderung Mohammeds aus Mekka im Jahre 622 n. Chr. Die Chronologie des Altertums ist viel schwieriger: Die alten Ägypter kannten keine Ära, sondern zählten die Regierungsjahre des jeweiligen Herrschers, die deshalb von den Wissenschaftlern addiert werden müssen. Erschwerend wirkt sich aus, dass in den Zwischenzeiten des ägyptischen Reiches mehrere Dynastien nebeneinander regierten, da das Land in Teilreiche zerfallen war. Der Priester Manetho schuf in hellenistischer Zeit ein chronologisches System, indem er die Könige und Dynastien aufeinanderfolgend aufführte. Dabei folgte er der zeittypischen Tendenz, parallele Dynastien in einer fortlaufenden Linie aneinanderzureihen, um so seinem Land durch ein möglichst hohes Alter eine noch ehrwürdigere Tradition zu verleihen. Diese Tendenz ist von den Wissenschaftlern auch erkannt worden, die deshalb dringend auf Fixpunkte der ägyptischen Geschichte angewiesen waren. Solche Fixpunkte wurden zum Teil nun ausgerechnet der Bibel entnommen, was auch nicht verwundert, da die Bibel eine lückenlose Chronologie aufweist, die bis Abraham zurückreicht, was für die Historie des alten Orients einzigartig ist. Einer dieser Fixpunkte war die Gleichsetzung des biblischen Pharao Sisak, der nach dem Ersten Buch der Könige im Jahr 925 Jerusalem einnahm, mit Scheschonk I., dessen Siegesstele über einen Feldzug nach Palästina erhalten geblieben ist. Als weitere Fixpunkte dienten das Jahr der assyrischen Eroberung Ägyptens (664), das unstrittig ist, sowie der Beginn des neuen Reiches im Jahr 1550, der aus astronomischen Angaben ermittelt wurde. Gerade die Begründung für den letzteren Punkt wird heute von Ägyptologen jedoch allgemein angezweifelt, da sich die Datierung aus der Fehlinterpretation einer astronomischen Nachricht ergeben hat. Es bleibt also für die ägyptische Chronologie vor der assyrischen Eroberung hauptsächlich der Anhaltspunkt, der sich aus der Bibel ergibt. Spätestens hier wird die Situation paradox: Bei Zugrundelegung eines chronologischen Systems, das zum guten Teil auf biblischen Angaben basiert, sind viele Forscher dennoch zu dem Schluss gekommen, dass die biblischen Ereignisse mythisch und damit fiktiv seien.
Doch wie sicher sind überhaupt die biblischen Synchronisationen? Nach Ansicht mancher Forscher kann der biblische Sisak trotz der Namensähnlichkeit nicht mit Scheschonk I. gleichgesetzt werden: Während Sisak mit dem Nordreich Jeroboams verbündet war und seine Feindseligkeit gegen Juda richtete, führte Scheschonks Feldzug gemäß den detaillierten Ortsangaben auf seiner Siegesstele nach Nordisrael, wo Dutzende von eroberten Städten aufgeführt werden, und streifte Juda lediglich mit der Einnahme von Ajalon. Insbesondere fehlt jeglicher Hinweis auf die Plünderung des Jerusalemer Tempelschatzes, über die im Ersten Buch der Könige berichtet wird und welche auf einer ägyptischen Siegesstele gewiss nicht übergangen worden wäre. Es muss sich also um unterschiedliche Ereignisse und Pharaonen handeln, deren Namen nur zufällig ähnlich klingen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Fixpunkte, um die herum unsere Chronologie des alten Ägypten konstruiert wurde, einer kritischen Überprüfung nicht standhalten. Vor der assyrischen Eroberung gibt es mithin kein sicheres Datum in der ägyptischen Geschichte, sieht man von einer Synchronisation des Pharao Echnaton mit dem assyrischen Herrscher Aššur-uballit I. ab (die assyrische Chronologie und deren Revision stellt ein eigenständiges Problem dar).
Vor diesem Hintergrund hat eine Minderheit von Forschern eine revisionistische Chronologie entworfen: Gestützt auf archäologische Befunde in Kultanlagen und Königsgräbern sowie erhaltenen Genealogien, die sich über den gesamten Zeitraum der Dritten Zwischenzeit erstrecken, kommt der Ägyptologe David Rohl zu dem Schluss, dass die Könige der 20. und 21. Dynastie – anders als in der traditionellen Chronologie angenommen – gleichzeitig geherrscht haben müssen und deswegen die Dauer dieser Dritten Zwischenzeit erheblich gekürzt werden muss. Auch wenn diese These ausschließlich auf der Grundlage ägyptischer Quellen entwickelt wurde, ergibt sich damit ein völlig neues Bild auch für die Geschichte des Volkes Israel: Die Befunde, die mit der biblischen Geschichte in Zusammenhang gebracht werden können, wurden bisher stets in zu jungen Schichten gesucht.
Ramses II. regierte nun nicht mehr im 13., sondern im 10. vorchristlichen Jahrhundert und war damit Zeitgenosse Salomons und seines Sohnes Roboam. Hier, in der späten Bronzezeit, finden sich nun tatsächlich die archäologischen Spuren der Handelsbeziehungen Israels wie auch die Nachweise für die Tätigkeit phönizischer Bauhandwerker in Israel. In Ramses selbst kann man den biblischen Sisak erkennen, zumal Ramses die Eroberung der Stadt Schalem (Jerusalem) in Palästina inschriftlich in seinem berühmten Felsentempel in Abu Simbel festgehalten hat. David und Saul waren dementsprechend Zeitgenossen Echnatons und Tutanchamuns. Insbesondere die politischen Verhältnisse Palästinas der Amarnazeit (18. Dynastie), dokumentiert in einem Tontafelarchiv, weisen erstaunliche Parallelen zu den biblischen Ereignissen auf. Nach Meinung Rohls treten in der Amarna-Korrespondenz sogar die biblischen Könige Saul (Labayu) und David (Tadua) auf und es fänden sich dort weitere biblische Personennamen, wie beispielsweise Davids Vater Jesse (Yischua), sein Neffe Joab (Ajab) und Sauls Sohn Ischbaal (Mutbaal). Die Gleichsetzung Labayu = Saul wurde aufgestellt aufgrund der Parallelität der politischen Verhältnisse und Lebensumstände, die bei dem König des palästinensischen Berglandes der Amarnabriefe und dem biblischen König Saul bestehen. Nach Meinung Rohls wurde der biblische Name Saul, der ein Wortspiel auf dessen Königswahl („der Erbetene“) darstellt, diesem Herrscher erst von einer späteren Tradition zugewiesen; sein ursprünglicher Name hätte Labayu gelautet. Denkbar wäre meines Erachtens auch, dass er den Namen Saul nach der Königswahl selber angenommen hat. Dass im Übrigen Labayu ein früher israelitischer König war, wurde auch schon früher durchaus erkannt, schrieb er doch seine Briefe nicht in der zeittypischen Diplomatensprache Akkadisch, sondern in einem urtümlichen Hebräisch. Indes war die Gleichsetzung mit Saul nicht denkbar, da man Labayu bislang ja in eine Zeit vor dem Auszug aus Ägypten datierte. Bekannte Ereignisse wie Sauls Schlachten gegen die Philister oder Davids Belagerung Jerusalems können nun anhand der Amarnabriefe auch aus der Perspektive der Gegner Israels beleuchtet werden. Mit den Habiru – ein vieldeutiger Begriff, der unter anderem Söldnertruppen, aber auch oppositionelle Verschwörer umfasst – sind in den Amarnabriefen nach Rohl vielfach die Söldner Davids gemeint. Zu diesem Bild passt es, dass bei Zugrundelegung der revidierten Chronologie auch Ereignisse der Richterzeit, wie die Entstehung des Heiligtums von Silo, und aus dem weiteren Verlauf der Königszeit, etwa der Wiederaufbau Jerichos und die Erbauung der Hauptstadt Samaria durch König Amri, zwanglos mit archäologischen Befunden verknüpft werden können, während dies mit der traditionellen Chronologie nicht ohne Schwierigkeiten möglich ist. Im Licht der neuen Chronologie dürfte Pharao Scheschonk I. in seinem Palästinafeldzug jener geheimnisvolle, namentlich nicht genannte „Retter“ sein, der das Nordreich Israel vor der Invasion der Aramäer schützte (2 Könige 13,1–7). Und um wiederum auf die oben erwähnte eisenzeitliche Siedlungswelle zu sprechen zu kommen: Diese kann im Rahmen der neuen Chronologie überzeugend als Ansiedlung israelitischer Flüchtlinge aus dem von den Aramäern unter König Hazael besetzten Ostjordanland gedeutet werden (2 Könige 10,32 f.). Dafür spricht die Beschränkung dieser Siedlungswelle auf das Nordreich, während das politisch selbständige Südreich von diesen Ereignissen nicht betroffen war.
Wann aber fand nun der Auszug aus Ägypten wirklich statt? Rechnet man gemäß der revidierten Chronologie von Salomons Tempelbau 480 Jahre zurück, gelangt man in die Zweite Zwischenzeit Ägyptens oder in die Regierungszeit der 13. Dynastie, nach der revidierten Chronologie die Mitte des 15. vorchristlichen Jahrhunderts. Archäologisch betrachtet befindet man sich in der Mittelbronzezeit. Einzig in dieser Epoche finden sich Belege für die Existenz einer Bevölkerung vorderasiatischer Herkunft im östlichen Nildelta, dem Siedlungsgebiet der Israeliten in Ägypten. Die Angehörigen dieser Bevölkerungsgruppe besaßen, obwohl kulturell assimiliert, eine eigene Religion, wie anhand der Begräbnissitten nachvollzogen werden kann. Auf das Verschwinden jener Bevölkerung folgte die lange andauernde Fremdherrschaft der sogenannten Hirtenkönige (Hyksos). Diese archäologischen Befunde aus Avaris, der späteren Ramsesstadt, lassen den Schluss zu, dass hier die Siedlungen der Israeliten aufgefunden wurden. Die Hyksos müssen dann die in der Bibel genannten Amalekiter gewesen sein, die den Israeliten bei ihrem Wüstenzug feindlich entgegentraten und geschlagen wurden. Sie hatten bei der Eroberung Ägyptens leichtes Spiel, da die zehn Plagen das Land geschwächt und schließlich der Verlust des ganzen Heeres mit dem Pharao es schutzlos gemacht hatten.
Diese Datierung des Auszugs deckt sich auch mit den Funden aus Palästina: Damals, in der mittleren Bronzezeit, existierten erwiesenermaßen nahezu alle im Buch Josue genannten Städte; ebenso lässt sich deren Zerstörung in jener Zeit bei den meisten nachweisen. Darüber hinaus wurde sogar das von Josue in Sichem errichtete Monument entdeckt. Schließlich deckt sich dieser Befund auch mit der geschichtlichen Überlieferung des jüdischen Historikers Artapan, der in hellenistischer Zeit in Alexandrien lebte und den in der Bibel nicht genannten Namen des Pharaos der Unterdrückung kannte (Khenephres). Einen Pharao dieses Namens gab es nur einmal; er lebte gerade in jener Zeit, in die nach der revidierten Chronologie die Knechtschaft der Israeliten datiert werden müsste.
Interessanterweise wurde als Keimzelle der israelitischen Ansiedlungen in Avaris der Palast eines Wesirs entdeckt. Manche Indizien sprechen dafür, dass dies der Palast des Patriarchen Josef gewesen sein könnte. So fand sich in dem zum Komplex gehörenden Pyramidengrab eine für diese Zeit einzigartige Kultstatue des Wesirs, der durch sein Attribut, ein Wurfholz, als Ausländer apostrophiert war. Für die Datierung der Zeit Josefs sind der biblischen Überlieferung zwei verschiedene Zeitpunkte zu entnehmen: Gemäß der Vulgata und dem masoretischen Bibeltext vergingen von der Ankunft Jakobs in Ägypten bis zum Auszug 430 Jahre (Exodus 12,40); nach der Septuaginta hingegen bezieht sich diese 430-jährige Dauer auf die gesamte Zeitspanne von der Ankunft Abrahams in Kanaan bis zum Auszug aus Ägypten. Der Aufenthalt der Israeliten in Ägypten dauerte demnach nur rund 215 Jahre, eine Dauer, die auch mit den biblischen Genealogien in Einklang steht. Es scheint hier, wie in manchen anderen Fällen auch, der griechische Text der Septuaginta zuverlässiger zu sein als der masoretische. Für die Lesart der Septuaginta ist auch Josephus in seinen Jüdischen Altertümern ein Zeuge. Jakob und Josef müssten dann im 17. vorchristlichen Jahrhundert in Ägypten gelebt haben; in der revidierten Chronologie entspricht dies der Zeit des Mittleren Reiches und der zwölften Dynastie, als nach den archäologischen Funden die Ansiedlung der erwähnten vorderasiatischen Bevölkerungsgruppe in Avaris begann.
Doch wie konnte während eines so kurzen Zeitraums aus der Familie des Patriarchen Jakob ein Millionenvolk mit – nach dem Pentateuch – allein rund 600.000 wehrfähigen Männern werden? Nach vorsichtigen Schätzungen auf wissenschaftlicher Grundlage umfasste die Bevölkerung Kanaans vor Ankunft des Volkes Israel keine 100.000 Menschen und die Zahl der Israeliten war nach den biblischen Angaben noch wesentlich kleiner als die der Kanaaniter. Die hohen biblischen Zahlenangaben müssen also um mindestens zwei Nullen gekürzt werden. Der Urtext der Bibel muss andere, realistische Zahlen enthalten haben; ansonsten ergäben allzu viele Berichte keinen Sinn. Wie konnte etwa Moses, bevor ihm sein Schwiegervater zur Einsetzung von Richtern riet, nur daran denken, persönlich und ohne Mittlerinstanzen einem Millionenvolk Recht zu sprechen? Warum wird die Stadt Hai als bevölkerungsarm bezeichnet, da sie doch mit angeblich 12.000 Einwohnern fürwahr eine Großstadt des Altertums gewesen sein müsste? Und wie konnte der Verlust von nur wenigen Dutzend Mann bei einem 3.000 Mann umfassenden Spähtrupp vor Hai die Israeliten in so tiefe Verzweiflung stürzen, dass sie das Vorhaben der Eroberung fallen lassen wollten? Nach Meinung von Peter van der Veen und Uwe Zerbst ist für diese Verzerrungen ein Missverständnis eines biblischen Kopisten verantwortlich. Für „Mannschaft“ und „Tausend“ wurde in der hebräischen Schriftsprache ein ähnliches Wort gebraucht. Anstatt „Eintausend“ wäre also „eine Mannschaft“, bestehend aus etwa einem Dutzend Mann, zu lesen.
Die revidierte Chronologie stellt bisher eine Außenseitermeinung dar, was auch nachvollziehbar ist, angesichts der umwälzenden Konsequenzen, die sie nicht nur für die biblische Archäologie, sondern auch für alle anderen Kulturen des alten Orients, die mit der ägyptischen Geschichte verknüpft sind, mit sich brächte. So müssten beispielsweise auch die Chronologien der Hethiter und Assyrer angepasst werden, um ein stimmiges Gesamtbild zu erhalten. Für eine Verkürzung der assyrischen Chronologie gibt es bereits Modelle, bei denen ein zeitweiliges Doppelkönigtum aus einem Krieger- und einem Priesterkönig angenommen wird. Eine derartige Revision bringt aber nicht nur Probleme mit sich: Im Lichte der neuen Chronologie könnten die bisher „Dunkle Zeitalter“ genannten, nahezu fundleeren Zeitabschnitte im Mittelmeerraum, einfach dadurch aufgeklärt werden, dass es diese Zeiten gar nicht gegeben hat, jedenfalls nicht von dieser langen Dauer.
Indes erheben sich vonseiten der Naturwissenschaft gewichtige Einwände gegen die verkürzte Chronologie. Naturwissenschaftliche Datierungsverfahren wie die Dendrochronologie (Jahresringmethode) und die Radiokarbondatierung stehen der etablierten Zeitrechnung viel näher, ja, in manchen Fällen liegt das naturwissenschaftlich ermittelte Alter weit über dem der allgemein akzeptierten Chronologie. Deshalb sind diese Verfahren auch unter Anhängern der konventionellen Zeitrechnung nicht unumstritten. Vertreter der revidierten Chronologie verweisen in diesem Zusammenhang auf mögliche Fehlerquellen und betonen, dass die beiden Verfahren voneinander abhängig sind.
Selbst wenn sich einmal entgegen vielen Indizien die etablierte Chronologie aufgrund anderer Quellen als richtig herausstellen würde, müssten die biblischen Ereignisse angesichts des erdrückenden archäologischen Beweismaterials zurückdatiert werden. Dann wäre allerdings in der Bibel ein chronologischer Fehler enthalten, insoweit als weitaus mehr als 480 Jahre zwischen Moses und Salomons Tempelbau lägen. Doch von einem chronologischen Fehler, nur in umgekehrter Richtung, ging man auch bisher aus, als man einen deutlich kürzeren Zeitraum als die 480 Jahre zwischen Moses und Salomon annahm. Würde man indes statt der Richter die Königszeit strecken, würde das bedeuten, dass in den beiden Königsbüchern des Alten Testaments zehn Generationen fehlten. Für diese unwahrscheinliche Annahme besteht aber keine wissenschaftliche Notwendigkeit. Es bleibt meines Erachtens die Erkenntnis, dass die biblische Geschichte archäologisch besser abgesichert ist, als die auf einer fragwürdigen biblischen Synchronisation beruhende etablierte Chronologie des Alten Orients.
Quellen:
Rohl, David: Pharaonen und Propheten. Das Alte Testament auf dem Prüfstand. München 1996 (ISBN 3-426-26871-X)
Van der Veen, Peter / Zerbst, Uwe (Hrsg.): Biblische Archäologie am Scheideweg? Für und Wider einer Neudatierung archäologischer Epochen im alttestamentlichen Palästina. Reihe: Studium Integrale Archäologie. Holzgerlingen (Hänssler-Verlag) 2003 (ISBN 3-7751-3851-X)
Van der Veen, Peter / Zerbst, Uwe (Hrsg.): Keine Posaunen vor Jericho? Beiträge zur Archäologie der Landnahme. Reihe: Studium Integrale Archäologie. Holzgerlingen (Hänssler-Verlag) 2009, (ISBN 3-7751-4419-6)