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Das Rittertum als traditionelle christliche Elite

Erschienen in:
DGW-2014.1-Wir-die-Jugend

Über die Bedeutung von „Adel“ oder vergleichbarer traditioneller Eliten zu sprechen ist nicht zuletzt in einer „Ur-Demokratie“ wie der Schweiz oder anderen demokratischen Staaten Europas mittlerweile wohl schwer verständlich zu machen ohne in einen vermeintlichen, weltanschaulichen Dualismus zu verfallen. Doch noch im letzten Jahrhundert hat Papst Pius XII. in seinen Ansprachen an das Patriziat und den Adel von Rom (1940-58) auf die Übereinstimmung zwischen der Sendung des Adels und der von Gott selbst eingerichteten natürlichen Ordnung der Dinge sowie den erhabenen, wohltätigen Sinn dieser Sendung in eindrücklichen Worten hingewiesen.

Das wahre Wesen des Adels

Papst Pius XII. versteht in diesen Ansprachen den Adel selbst in jeder Hinsicht als eine Elite, wenngleich nicht als einzige Elite. Der Adel von Rom hatte zu dieser Zeit zwar seine politische und gesellschaftliche Macht verloren, weshalb der Papst denn auch einen besonderen Akzent setzt. „Hier handelt es sich indessen um ein Vorrecht, das weder die Zeit noch die Menschen euch entreißen können, wenn ihr selbst – dessen würdig – nicht damit einverstanden seid, es zu verlieren: das Privileg, die Besten zu sein, die ‚Optimates‘, nicht so sehr durch die Fülle an Reichtümern, die Pracht der Gewänder, den Prunk der Paläste, als vielmehr durch die Reinheit der Sitten, durch die Rechtschaffenheit des religiösen und bürgerlichen Lebens; das Privileg, Patrizier, „patricii“, zu sein durch die hohen Eigenschaftes des Geistes und des Herzens; das Privileg schließlich, ‚nobiles‘, zu sein, d.h. Menschen, deren Name wert ist, gewusst zu werden, und deren Leben als Beispiel und zur Aneiferung vor Augen gestellt wird.“ In diesem Sinne hat der Adel eine christliche Prägung der Zivilisation zu leisten. So hebt der Papst auch die legitime Rolle des Adels in einer auf Naturrecht und Offenbarung fußenden Soziallehre hervor und verweist zugleich auf den „Seelenreichtum“, der in der Vergangenheit den Adel ausgezeichnet hat. Das demagogische Egalitätsdenken hat bis in die Kirche hinein ein Klima der Gereiztheit und des Unverständnisses gegenüber den traditionellen Eliten hervorgerufen selbst jenseits irgendwelcher „anti-monarchistischer Ressentiments“. In der Tat aber kommt aller Adel von Gott, dem adeligsten Wesen und der Quelle aller Vollkommenheit. In ihm ist aller Adel des Seins.


Was ist denn nun aber der Adel? Der Adel eines jeden Dinges, lehrt der heilige Thomas von Aquin, gehört zu ihm je nach seinem Sein: „Die Art und Weise des Adels eines Dinges entspricht also der Art und Weise, wie es das Sein besitzt; darum heißt es, dass ein Ding mehr oder weniger adelig ist, je nachdem, ob sich sein Sein auf einen höheren oder geringeren Grad an Adel beschränkt […] Da nun Gott sein eigenes Sein ist, besitzt er das Sein im vollen Ausmaß eben dieses Seins; es kann ihm daher kein Adel abgehen, der sich in irgendeinem Ding befindet“ (Contra Gentiles, liber 1, caput 28). Auch der Adel hat das Sein von Gott. Er hat ihm den Adel des Blutes, den Adel des Wertes, den Adel der Tugend, den Adel des Glaubens und der christlichen Gnade geschenkt. Den „Adel des Blutes“ hat er einst in den Dienst der Kirche und in den Schutz des Nachfolgers des heiligen Petrus gestellt; Den „Adel der Tugend“ zu vermehren aber erscheint umso verdienstvoller. Die Ungleichheit unter den Menschen ist also nach traditioneller katholischer Lehre nicht nur legitim, sondern sogar notwendig. Ungleichheit, die nicht auf Willkür, sondern auf die Natur der Dinge selbst zurückzuführen ist, bildet deshalb kein Hindernis für eine „wahre Gleichheit“ und „Brüderlichkeit“ in einer Gemeinschaft. Dagegen verwandelt sich die Freiheit als sittliche Verpflichtung des Menschen in der modernen „Massen-Demokratie“ in den tyrannischen Anspruch, den menschlichen Trieben und Begierden zum Schaden des Nächsten freien Lauf zu lassen. Die Gleichheit entartet in mechanische Gleichmacherei, in monotone Gleichförmigkeit. Das Gefühl wahrer Ehre, das persönliche Handeln, die Ehrfurcht gegenüber Tradition und Würde – gegenüber allem, was das Leben wertvoll macht, wird nach und nach verschüttet und verschwindet.

Die Verteidigung der christlichen Ideale und Tradition

In der modernen Welt aber haben Adel und traditionelle Eliten ihren Daseinszweck keineswegs verloren. Aus Liebe für das Gemeinwohl, für die Rettung der christlichen Kultur sind dem Adel durch die neuen Zeitumstände auch neue Aufgaben auferlegt. Der Adel muss der Gesellschaft den Wert eines Fortbestehens und den Sinn von „Fortdauer“, also von Tradition, allererst deutlich machen. Es geht um die Treue zu einem der grundlegenden Prinzipien des Adels, den besonderen Pflichten zum Wohle der Allgemeinheit. Es ist die Treue zum „christlichen Ideal“, die in einer besonderen „Macht der Tradition“ hier zum Ausdruck kommt. In diesem Sinne wird die Wahrung, Verteidigung und Verbreitung der christlichen Lehre, die in den edlen Traditionen enthalten ist, zur höchsten sozialen Funktion des Adels. „Adel“ lässt auch den Wert und die Bedeutung von „Erblichkeit“ in einem grundsätzlichen Licht erscheinen. Das Erbe ist eine großartige und geheimnisvolle Sache, dass nämlich über Generationen hinweg in einem Geschlecht ein reicher Schatz materieller und geistiger Güter weitergegeben wird. So können Eliten nicht nur Wächter der Tradition, sondern auch Antriebskräfte des wahren Fortschritts werden, den es allein auf der Linie der Tradition als harmonische Weiterentwicklung geben kann. Eine solche Tradition führt weder in Stagnation noch in Aufruhr, sondern behält ihre Lebendigkeit. An dieser Stelle gilt es anzumerken, dass die Soziallehre der Kirche sich stets für die Legitimität sowohl der Monarchie als auch der Aristokratie und der Demokratie in konkreten Umständen aussprach, wenngleich in abstrakter Definition die Monarchie als die beste aller Regierungsformen bezeichnet werden kann (Thomas von Aquin). In diesem Sinn werden also auch in einer wahrhaft christlichen Demokratie notwendigerweise der Adel oder traditionelle Eliten zu einem kostbaren Bestandteil.

Der Adel der Tugend und die Vorbildfunktion

Wenn die christliche Tugend zum eigentlichen Wesen des Adels gehört, so lassen alle Umwandlungen und Revolutionen dieses Ideal unberührt. Sie vermögen nichts gegen das innerste Wesen wahren Adels, das Streben nach christlicher Vollkommenheit – unbedingte Treue zur katholischen Lehre, zu Christus und seiner Kirche. Hier hat der „adelige Ritter“ seine Burgen zu errichten, Dämme gegen das Einsickern verhängnisvoller Grundsätze, verderblicher Schwächen und Weichlichkeiten. Eine solche Einsatzbereitschaft und Festigkeit der Seele zeichnen den tadellosen miles christianus, den Soldaten Christi aus. Es ist auch eine mutige Tatbereitschaft für das Gemeinwohl und dieser Einsatz ist ein adeligstes Vorrecht. Der Adel, der diese Tugenden der Seele besitzt, entwickelt im Umgang mit anderen Menschen in natürlicher Weise ein ritterliches, vornehmes Benehmen. So hat „aristokratische Ritterlichkeit“ keineswegs einen trennenden Charakter, sondern ist in Wirklichkeit ein Bindeglied im Sinne einer freundschaftlichen Beziehung. Eine solch adlige Seele überlässt sich nicht passiv dem blinden Zufall, der Laune der Strömungen, wird nicht zum Spielball der Leidenschaften. Daher erwächst dem Adel die grundsätzliche Aufgabe einer Führung der Gesellschaft als der gleichsam genuinen Form seines Apostolats. Als Vorbilder einer unbeugsamen Pflichterfüllung und durch den Glanz unerschütterlicher Treue zu Christus und der Kirche haben diese Eliten ihre Führungsrolle zu erfüllen – je nach den persönlichen Pflichten im alltäglichen Leben, ob als Ingenieur, Rechtsanwalt, Arzt oder Priester. „Die Arbeit muss jenen Stempel der Vortrefflichkeit und Vollkommenheit an sich tragen, der sich nicht von heute auf morgen aneignen lässt, sondern die Feinheit der Seele und des Gewissens, des von euren Ahnen ererbten und vom christlichen Ideal unaufhörlich genährten Denkens und Fühlens widerspiegelt.“ Diese Vorbildlichkeit muss nach Pius XII. in allen Ausdrucksformen seiner Tätigkeit hervortreten, in der Würde des ganzen Verhaltens und Benehmens. Es ist eine wahre Vornehmheit, die eine Demut voll Größe, eine Nächstenliebe ohne alle Selbstsucht verkörpert. Dieses Verständnis gilt es aus Liebe zu den Menschen durch Taten zu beweisen. Die „noble Seele“ eines Ritters soll begeistert davon sein, eine soziale, christliche Ordnung zu erwecken und auszubreiten. In diesem Wirken soll das Bild der göttlichen Vorsehung erscheinen, die kraftvoll und doch mit Sanftmut alle Dinge entscheidet und zur Vollendung bringt. Pius XII. hebt in diesem Zusammenhang den sowohl erzieherischen als auch wohltätigen Charakter des Wirkens der traditionellen Eliten hervor und er nennt vor allem zwei Verpflichtungen, nämlich das wertvolle Erbe unseres Glaubens und unserer christlichen Kultur unbeschädigt weiter- zugeben und diesen Schatz mit anderen zu teilen in fürsorglicher Güte (Tradition und Mission).

Die Familie als Grundordnung

Wenn man die Entstehungsgeschichte des europäischen Staates betrachtet, so stellt man fest, dass dieser stets aus immer größeren Körperschaften hervorgegangen ist, deren „Rohmaterial“ stets die Familie bildete. Aus dem Zusammenschluss der Familien entstanden zunächst die Stämme („gens“) und aus dem Zusammenschluss der Stämme die „Stadt“ (civitas) bzw. der Staat. „Adel“ als private Körperschaft ist daher zunächst in seiner konstitutionellen Form als „Familie“ zu verstehen. In der Ordnung eines Staatswesens sind es also die herrschenden adligen Familien, deren Vitalität und Einheit in der Regel das gemeinschaftliche Leben bestimmten. In seiner Lebhaftigkeit, schöpferischen Originalität der Formen des Seins, des Handelns, des Fühlens und des Eingehens auf die Wirklichkeit wurde das Familienleben (gerade des Adels) so zu einer Schule der Weisheit und der Erfahrung. Der tiefere Zusammenhalt stützte sich jedoch auf ihre religiöse und moralische Bildung. Auf diese Weise bringt eine Familie so etwas wie eine gemeinsame Wesensart, einen gemeinsamen Geschmack, gemeinsame Neigungen und Abneigungen, eine gemeinsame Weise des Zusammenlebens, der Arbeit, der Bekämpfung von Widrigkeiten und der Ausnutzung günstiger Umstände zum Ausdruck. Die Familie verfügt derart in all diesen Bereichen über Grundsätze des Denkens und Handelns, die durch das Beispiel der Vorfahren bestärkt werden. Mit einer solch lebendigen Tradition wurde die (adelige) Familie zur Grundzelle des Staatswesens. Aus diesem Bewusstsein einer „familial“ tradierten Ordnung und Sittlichkeit erwächst vornehmlich dem Adel und den traditionellen Eliten nicht nur eine schöpferische Kraft auf allen Ebenen, vielmehr werden sie auch ein unersetzlicher Ordnungsfaktor für die ganze Gemeinschaft.

Der moderne bürokratische Staat kennt selbstverständlich keine väterliche, familiäre und organische Struktur. In seiner Allmacht duldet er keine „Zwischenglieder“ gegen- über seinen „Bürgern“. In dem neuzeitlichen Prozess der Zentralisierung und der modernen Tendenz der Globalisierung verlieren nicht nur die einzelnen Regionen ihren schöpferischen Trieb und dabei jede Form von autonomer Einheit. Der Adel selbst wurde allmählich von der souveränen Macht des absoluten Staates ausgeschlossen, wodurch die Bedeutung der Familie im Ganzen der Gemeinschaft zerstört wurde. Schließlich verliert der Mensch an sich seine familiäre Bindung an die Erde.

Der adelige Ritter als christlicher Held

Der Adelige hat nach Pius XII. trotz dieser Entwicklung als ein an der Spitze einer Korporation (Familie, Lehen usw.) stehender Mann auch weiterhin wie ein Licht zu leuchten, d.h. erklärtermaßen ein christlicher Held zu sein, der zum Wohl seines Königs und seines Volkes alles zu opfern bereit ist zur Verteidigung des Glaubens und der Christenheit. Gleichzeitig hat er mit seiner Familie mit „optimalem“ Beispiel voranzugehen – in der Tugend wie in der Bildung, im vortrefflichen Umgang, im guten Geschmack, in der Ausstattung des Heimes und bei den Festlichkeiten, um der Gemeinschaft stets als Vorbild und Ansporn zu dienen. Diese beiden Grundsätze hatten in der Praxis eine ungeheure Reichweite und ihre Anwendung entsprach zumindest im Mittelalter echter Überzeugung und religiösem Gefühl. So bildete sich in der europäischen Kultur das Idealbild des christlichen Ritters und der christlichen Dame heraus, die trotz inhaltlicher Verflüchtigung und fortschreitender Laisierung stets ein hervorragendes menschliches Vorbild bezeichneten.

Der Begriff „Aufopferung“ aber spielte die zentrale Rolle im Leben des Adeligen. Einsatz und Opferbereitschaft, gepflegte Umgangsformen, Etikette und Protokoll waren letztlich im gesellschaftlichen Leben des Adels in Form einer zutiefst prägenden Askese spürbar, denn sie verlangten vom Adeligen eine ständige Unterdrückung all dessen, was in vielen menschlichen Trieben vulgär, geschmacklos und sogar beschämend wirkt. So erwies sich das gesellschaftliche Leben als ein stetiges Opfer bis die aus der Französischen Revolution hervorgegangene bürgerliche Welt schrittweise diese Werte und die zeremonielle Etikette verstümmelte. In logischer Konsequenz begegnet uns die moderne egalitäre Gesellschaft mit ihrem Wunsch nach einem „ungezwungenen Laisser-faire“ in einer ungemeinen Vulgarität. So wurden guter Geschmack, gepflegter Umgang und Etikette ausgehöhlt und geradezu pervertiert. Heute ist eine allgemeine Tendenz zur skurrilen Ausgefallenheit und nicht selten sogar zum brutalen, schamlosen Triumph des Widerwärtigen und Schändlichen auszumachen.

Dem modernen Menschen ist ebenso unverständlich wie der Adel das „pulchrum et bonum” („Schönheit und Güte“) eines gerechten Krieges in der Ausdruckskraft des kriegerischen Zeremoniells, im Glanz der Waffen und im Schmuck der Pferde aufscheinen lassen konnte. In der Tat war der Krieg ein Opfergang zur Verherrlichung der Kirche, zur Verbreitung des Glaubens und zum legitimen zeitlichen Gemeinwohl – jenseits der modernen Ideologie des „totalen Krieges“, wie das Gemälde von Velázquez über die Kapitulation von Breda beweist. Hier kommt selbst im Moment der Kapitulation eine Seelengröße und Höflichkeit zum Ausdruck, die aus der Nächstenliebe entspringt. Das „bonum et pulchrum“ dieser Aufopferung aber spürten die Ritter in tiefster Seele als eine wahre und heilige Pflicht.

Papst Benedikt XV. (1914–1922) kann aufgrund dieser heiligen Verpflichtung zur Aufopferung von einer geradezu priesterlichen Sendung des Adels sprechen. Er betont zudem, dass dem Adel zu allen Zeiten die Pflicht oblag, die Unterweisung in der Wahrheit „in doctrina“ zu fördern. Wenn nach Benedikt der Adel in diesem Sinne Sauerteig und Leuchtturm sein soll, so kann dem geistlichen Rittertum keine andere Aufgabe gestellt sein. Daher müssen sich die „Marienritter“ ihrer herausfordernden und dennoch großartigen Aufgabe bewusst sein. Der „Adel der Seele“ verlangt den christlichen Helden, der zur „Aufopferung“ bereit ist, zugleich in diesem Kreuzweg nur seinem Herrn folgt, der ihn zum Kampf aufgerufen hat. Als Teil dieses Heeres des „Königs der Könige“ aber darf er sich der Schönheit und Güte dieses Kampfes sicher sein und in all seinem Tun und Handeln Ausdruck verleihen (Würde und Schönheit der Zeremonien und Insignien).

Die „Aristokratie der Seele“ aber ist Vollkommenheit. Und es ist Pflicht des Christen, nach Vollkommenheit zu streben: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“ (Mt 5, 48). Dem christlichen Rittertum geht es also nicht um irgendwelchen elitären Dünkel, sondern um das Streben nach Vollkommenheit. Die Vollkommenheit des christlichen Lebens aber besteht nach Thomas von Aquin in der Liebe, die uns mit Gott, dem höchsten Ziel des menschlichen Geistes vereint. Es ist die Pflicht der Eltern und der traditionellen Eliten, in der Erziehung diese Überzeugungen und Erfahrungen an die nächste Generation weiterzugeben. In solch lebendiger „Tradition“ des christlichen Erbes sind optimale Bedingungen für das Streben nach Vollkommenheit gegeben – ein Streben, das nicht nur das individuelle Gut der Familie, sondern auch entscheidend das Gemeinwohl der Gesellschaft in seiner übernatürlichen Bestimmung zum Ziel hat.