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Die frühchristliche römische Basilika

Erschienen in:
DGW-2010-04-Die-Jesuiten

Wie bereits erwähnt, gab es in den ersten 300 Jahren des Christentums noch keine eigenen Sakral- und Kultgebäude mit eigener architektonischer Gestaltung. Das Christentum war noch nicht als Religion anerkannt und die Christen wurden verfolgt. In den ersten 300 Jahren trafen sich die Christen also an geheimen Orten, wie z.B. in den Katakomben Roms oder in Privathäusern, die man als „Gemeindezentrum“ bzw. als „Hauskirche“ (domus ecclesiae) nutzte (vgl. Artikel 2 in dieser Reihe über Dura Europos).
Durch das Toleranzedikt von Mailand aus dem Jahre 313 wurde das Christentum durch Kaiser Konstantin als Religion anerkannt und geduldet, 391 wurde es durch Kaiser Theodosius zur Staatsreligion erhoben. Damit wurde den Christen nicht nur die Glaubensfreiheit zugesichert, sondern auch das Recht, ihre Religion öffentlich auszuüben. Dadurch wurde es erstmals möglich, öffentliche Versammlungs- und Kulträume zu errichten.

Es lag nahe, Anregungen von antiken Bauten zu übernehmen. Tempel schieden jedoch als Vorbilder aus, nicht nur, weil sie als Stätte der „Götzenverehrung“ abgelehnt wurden, sondern auch, weil sie im Inneren nicht genug Raum für die großen christlichen Gemeinden boten. Wurde der heidnische Kult im Freien dargebracht und zelebriert, so wurde der christliche Kult seit ältester Zeit im Inneren eines Raumes ausgeübt.

Geräumiger und besser geeignet war dagegen der weltliche Bau der späten Antike: die ein- oder mehrschiffige römische Versammlungshalle, die Basilika.

Die Basilika, als Thronhalle für den Kaiser, Markt- oder Gerichtsstätte bekannt, entsprach mit ihrem überhöhten rechteckigen Mittelschiff und raumgebenden umlaufenden Seitenschiffen den Anforderungen christlicher Gemeinden in idealer Weise.
Die ursprüngliche Ausrichtung, die sogenannte „Orientierung“ auf den Kaiser, den Marktaufseher oder Richter hin wurde auf die Gebetsrichtung nach Osten übertragen, der aufgehenden Sonne entgegen, Symbol für Christus als Sonne des Heiles und die Ankunftdes Menschensohnes (Mt 24,27; Offb 7,2).

Die römische Basilika bestand aus einem lang gestreckten rechteckigen Langhaus, das durch Säulen in drei oder mehr Schiffe geteilt war. Das Mittelschiff, etwa doppelt so hoch und breit wie die Seitenschiffe, mündete im Osten in eine halbrunde damals fensterlose Ausbuchtung, die Apsis. Das war der für den Geistlichen vorbehaltene Raum. Dort stand hinten an der Apsiswand der Bischofsstuhl (Cathedra) und in der Mitte, durch mehrere Stufen gegenüber dem Langhaus erhöht, der steinerne Altar. Die Erhöhung um einige Stufen gegenüber dem Normalniveau der Kirche unterstrich die erhabene Bedeutung des Ortes, konnte aber auch bedingt sein durch eine darunter liegende Gruft, in der ein Märtyrer seine Grabstätte hatte (z.B. die Gruft des hl. Apostels Paulus in St. Paul vor den Mauern in Rom).

Zwischen dem Mittelschiff und der Apsis befand sich der Triumphbogen. Als Durchgang zum wichtigsten Teil der Kirche war dieser Bogen ebenso wie die Apsis besonders reich mit bildlichen Darstellungen bzw. mit Mosaiken geschmückt.
Die Wandzonen über den Säulen im Mittelschiff waren im oberen Teil von Rundbogenfenstern, sogenannten Lichtgaden durchbrochen, die die lang gestreckte Halle erleuchteten. Ebenso konnten aber auch die Seitenschiffe von Lichtgaden durchbrochen sein. Unter den Fenstern befanden sich häufig monumentale Fresken oder Mosaiken mit Darstellungen zu biblischen Themen. Die Seitenschiffe boten Raum und Platz nicht nur für die Gläubigen, sondern auch für die Durchführung von Prozessionen innerhalb der Kirche.
Das Grundschema der frühchristlichen Basilika konnte je nach Bedarf durch ein Querschiff zwischen Apsis und Mittelschiff im Osten der Kirche erweitert werden.

Ein Glockenturm, Campanile genannt, wurde meist getrennt vom eigentlichen Kirchenbau errichtet.
Später kam eine quadratische Säulenhalle (Narthex) im Westen vor dem Eingangsbereich hinzu, sodass ein Vorhof (Atrium) entstand, der in der Mitte einen Brunnen hatte, an dem die Gläubigen sich reinigen konnten, bevor sie das Gotteshaus betraten. Später entstand daraus am Eingang der Kirchen das „Weihwasserbecken“ für die geistige Reinigung (Kreuzzeichen mit geweihtem Wasser) vor dem Betreten der Kirche.

Insgesamt war der frühe Kirchenbau außen schlicht und – im bewussten Gegensatz zum „heidnischen Tempel“ mit seiner plastischen, nach außen wirkenden Säulenarchitektur – nur auf den Innenraum ausgerichtet.
Mit seinen monumentalen Wandmalereien, kostbaren ornamentalen Bodenmosaiken nach antikem Vorbild und mit polierten, den Lichtglanz zurückwerfenden Säulen aus Marmor sollte der frühe Kirchenbau die Seele des Gläubigen erheben und den Glanz des Himmels erahnen lassen. Erst Ende des 4. Jh. lösten monumentale Mosaikbilder die Freskenmalerei an den Wänden ab.
Ein wunderbares Beispiel einer frühchristlichen Basilika ist die Kirche St. Paul vor den Mauern in Rom, gestiftet von den Kaisern Valentinian II., Theodosius und Arcadius (im Triregnum von Byzanz, Rom und Mailand) in der 2. Hälfte des 4. Jhs. Vollendet unter Kaiser Honorius im Jahre 395, ersetzte sie einen Vorgängerbau, der 324 von Papst Silvester I. geweiht worden war. Im Laufe der Jahrhunderte wurde sie sogar fünfschiffig ausgebaut. 1823 durch einen Brand stark beschädigt, wurde sie bis 1854 originalgetreu als fünfschiffige Basilika wieder aufgebaut. Die Kirche St. Paul vor den Mauern in Rom kann uns einen Eindruck vermitteln, wie ebenfalls die Lateranbasilika (die Bischofskirche des Papstes) und der Petersdom bis zum Anfang des 17. Jhs. ausgesehen haben.