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Messe und Leben

Erschienen in:
DGW-1982-1-Im Blickpunkt: Das hl. Messopfer

In der Hirtenrede (Joh 10) sagt Jesus: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ Deshalb „gebe ich mein Leben für die Schafe. Diesen Auftrag habe ich empfangen vom Vater.“ Die große Sendung des Sohnes Gottes besteht also darin, sein Leben hinzugeben, damit die Menschen in der Kraft seines Fleisches und Blutes das ewige Leben haben (Joh 6,54). Denn Jesus ist der Erlöser, der Heiland.

Wer die Evangelien liest, stellt fest, dass er die Menschen seiner Zeit von körperlichen Krankheiten heilte und vor allem aus der geistig-sittlichen Verkommenheit herausholte – ganz besonders durch sein Lebensopfer am Kreuz, wo sein „Blut für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden“ (Mt 26,28).

Es gibt kein wichtigeres Zeugnis für das radikale Engagement Gottes für die Menschen als das Kreuz, wo Gott den Fluchsetzungseid für die Sünde (Gen 2,17) an sich selbst vollstreckte. Der Glaube an den Gekreuzigten und Auferstandenen ist daher Angebot für die sündlichen und damit verblendeten Menschen, wieder klar zu sehen in ihrem Leben. Der Glaube erlöst. Er löst die Gewichte der Habsucht, der Eifersucht, der Vergnügungssucht. Wir können aufatmen, unser Leben geht aufwärts.

Und Erlösung, Heiligung ist nichts anderes als die Chance, das Optimale aus unserem Leben zu machen, zur „Vollgestalt Christi“ zu gelangen. Auch die Abtötung, die Kreuzesliebe muss in diesen Zusammenhang gerückt werden: Wie ein Baum von unbrauchbaren Trieben gereinigt und zurückgeschnitten werden muss, um sich zu entfalten und reiche Frucht zu tragen, so ist es auch im Leben des Menschen.

Und die hl. Messe ist nichts anderes als das in Raum und Zeit weitergehende Leben, Tod und Auferstehung des Erlösers: freilich nicht in sichtbarer Gestalt, aber nicht weniger wirklich. In der hl. Messe lebt und wirkt der Herr weiter, um nicht nur die Israeliten vor 2000 Jahren, sondern die Menschen aller Zeiten und Räume, auch Dich ganz persönlich zu heilen und Deinem Leben Sinn und Glück zu geben: Im Wortgottesdienst, vor allem bei der Verlesung des hl. Evangeliums, werden die Worte und Taten des Heilands vor unseren Augen lebendig und wir können ihm begegnen: hier und heute.

Bei der anschließenden Opferbereitung treten wir mit dem Leid, den Sorgen, den Schwierigkeiten, den Sünden unseres Lebens an den Herrn heran wie die blutflüssige Frau im Evangelium (Mt 9,20) oder wie der blinde Bettler, der immer lauter schrie „Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner“ (Lk 18,38).

Wichtig ist, dass wir nicht nur allgemein an unsere Probleme und Fehler denken, sondern so konkret wie möglich: z. B. eine kranke Mutter zuhause, das morgige Examen, diese Kränkung, diese Versuchung gegen die Reinheit, mein Verhältnis zu meinem Freund oder zu meiner Freundin, aber auch Dinge wie z. B. die anstehende Wahl eines neuen Bischofs in der Diözese oder eines Bürgermeisters in meiner Gemeinde, usw. Ich persönlich vertraue dem Herrn immer einen ganzen Katalog von einzelnen Punkten an.

Wenn der Priester die Patene hochhält und spricht „Nimm hin diese Opfergabe für meine unzähligen Fehler, Sünden und Nachlässigkeiten sowie für die aller Umstehenden und überhaupt für die aller Christen“, dann kommt es darauf an, innerlich mitzugehen, dass wir den Schutt und Müll unserer Sünden mit auf die Patene legen; dass wir aber auch die schönen Erlebnisse, die Erfolge im Leben mit hineinnehmen in die hl. Messe, so wie damals die 72 Jünger von der ersten Aussendung zurückkehrten und dem Herrn alles Schöne und Wunderbare berichteten, das sie erlebt und getan hatten (Lk 10,17). Wenn jemand das tut, dann wird Gott all das ganz besonders in seine Vorsehung „einbauen“ – zum Besten für ihn und die anderen.

In der dritten Phase der Messe, im eucharistischen Hochgebet mit der hl. Wandlung im Zentrum sind wir dann persönlich Zeugen der Hinopferung des Gottessohnes am Galgen des Kreuzes auf Golgotha. Du darfst Dich hier wie Maria Magdalena unter das Kreuz kauern, um genauso wirklich wie sie im Blut des Lammes reingewaschen zu werden. Wir müssen uns das ganz plastisch und konkret vorstellen, dass der Herr in der hl. Messe wie am Kreuz sein Haupt neigt, um den Menschen guten Willens den Kuss der Versöhnung zu schenken, dass seine Arme wie Flügel sind, die er ausbreitet über Deinem Leben, Deinen Problemen und Erfolgen, Versuchungen und Sehnsüchten. Wie der verlorene Sohn sündig, aber reumütig zum Vater zurückkehrte, so müssen wir täglich in uns gehen, muss unser alter Mensch mit Christus gekreuzigt werden, begraben werden und neu auferstehen. Dafür ist die hl. Messe da.

In der letzten Hauptphase der hl. Messe, bei der hl. Kommunion lässt uns der Herr das gleiche sagen wie damals Maria durch ihre Schwester Martha: „Der Meister ist da und ruft dich“ (Joh 11,28). Jesus will Dir so nahe sein, wie Dir kein Mensch nahe sein kann, um Dein Tun (geistig – leiblich – sozial) mitzugestalten zu einem großen Leben, damit Du ein „zweiter Christus“ wirst, eine christliche Persönlichkeit.

Damit sind wir mitten im Programm unserer Bewegung, die für die ganzheitliche Formung unserer Person und der Gesellschaft aus dem Glauben herausarbeitet. Der Weg dorthin ist die hl. Liturgie, die hl. Messe, wo ganz konzentriert und plastisch Leben, Tod und Auferstehung Christi da ist, eben „der Weg“ (Joh 14,18).

Weil von daher die hl. Messe der entscheidende Ort unserer Begegnung mit dem Erlöser ist, genau darum lehnen wir in der KJB die biblisch (vgl. v. a. 1. Kor 11) und theologisch (vgl. das Zeugnis der ersten Kirchenväter wie z. B. Ignatius von Antiochien, gest. 107 n. C., der die hl. Eucharistie „das Fleisch unseres Erlösers Jesus Christus“ nennt) falsche und sterile Umdeutung und Umgestaltung der Messe zu einer Mahlfeier der Gemeinde ab, in der Christen lediglich im Andenken der Menschen geistig anwesend sein soll: so nach der Definition der ersten Fassung des reformierten Messbuchs (Inst. gen. Nr. 7), die wiederholt wurde z. B. in der offiziellen Broschüre des Eucharistischen Weltkongresses 1981 in Lourdes oder auch im Religionsunterricht (Zielfelder, ru 5/6 Stichworte Nr. 20). In diesem Zusammenhang einige kritische Anmerkungen zu drei konkreten Auswirkungen dieser falschen Theorie: ich meine Hand- und Stehkommunion, Volksaltar und die Unterdrückung der Kultsprache, übrigens gegen die Bestimmung des II. Vatikanums (Liturgiekonstitution Art. 36, §1). Denn bei einem Gemeinschaftsmahl ist es nicht sinnvoll zu knien, daher Stehkommunion; die Aufmerksamkeit des Tischvorsitzenden wendet sich natürlich den Gästen zu, daher der Volksaltar; auch wird sich die Gemeinschaft logischerweise in der Umgangssprache unterhalten, daher die Volkssprache. Doch gerade auch diese Dinge sind liturgiegeschichtlich und theologisch nicht haltbar.

Dass sich die derzeitige Praxis der Hand- und Stehkommunion nicht auf die Frühkirche berufen kann, ist ersichtlich aus der damals dabei üblichen tiefen Körperverneigung als Zeichen der Ehrfurcht und der Mahnung (z. B. bei Origenes), auf der Hand liegengebliebene Teilchen mit der Zunge aufzunehmen, um die Verunehrung zu verhindern.

Sowohl in der Ost- wie auch in der Westkirche war darüber hinaus – nach neueren Studien – die Zelebration zum Volk hin unbekannt, bis sie erstmals Luther 1526 gefordert hat (vgl. Klaus Gamber, „Die Reform der römischen Liturgie“, Kap. 6).

Den so oft gefeierten Fortschritt der Volkssprache möchte ich im Zeitalter des Massentourismus und der Gastarbeiter eher für Provinzlertum halten. Doch davon abgesehen ist das Prinzip einer besonderen sakralen Sprache weitgehend festzustellen, im jüdischen Gottesdienst wie in den west- und ostkirchlichen Liturgien, was andrerseits nicht einen maßvollen Gebrauch der Landessprache, etwa bei den Lesungen ausschließt.

Die dauernde Weiterentwicklung der Volkssprache bringt ja eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die ausgedrückten Inhalte mit sich: im Mittelalter hätte die Konsekration über das Brot gelautet „Das ist mein Leichnam“. Heute bedeutet dieses Wort nicht mehr den beseelten Leib, sondern nur noch den toten Leib, ein ungeheurer, dogmatisch bedeutsamer Unterschied. Letztlich ist das Entscheidende bei der Messe auch nicht das wörtliche Verstehen, sondern der innere Mitvollzug, den ich oben aufzuzeigen versucht habe. Für diesen inneren Mitvollzug kann die Sakralsprache erfahrungsgemäß – wegen ihrer Unaufdringlichkeit – mehr dienen als das wörtliche Verstehen.